Eine MomentaufnahmePete Doherty im White Trash

03. Januar 2016, abends. Ein Freund ruft mich an: „Pete Doherty ist in der Stadt! Geh hin, guck ihn dir an!“ Das White Trash Fast Food lädt ein zu einem Spontankonzert mit "Herrn Doherty" in „living room atmosphere“ und verspricht eine unvergessliche Erfahrung. 

Ich komme gerade aus der Badewanne, mir ist wohlig warm, die Jogginghose ist doch so bequem und die Silvesterfeiertage stecken noch in den älter werdenden Knochen. Draußen herrscht eisige Kälte. Der Winter ist nun doch „endlich“, der Erderwärmung zum Trotz, nach Berlin gekommen. Die sibirische Peitsche schlägt einem direkt ins Gesicht wenn man sich auf den Bürgersteig wagt.

Nach kurzer Lagebesprechung mit meiner Begleitung entschließen wir uns, dass man diese einmalige Chance nutzen muss und schwingen uns aufs Radel.

Gefühlsmäßig Eiszapfen kommen wir am Veranstaltungsort an und reihen uns brav in die Schlange an der Abendkasse. Es hat sich rumgesprochen, ungefähr 200 Leute, schätze ich, warten bei 12 Grad unter Null auf Einlass. Eine gute halbe Stunde und zehn taube Zehen später sind wir endlich drinnen. Ich halte einen Glühwein in der Hand und wärme meine Füße an einen Bollerofen. 

Im Trash ist es brechend voll, es herrscht eine angenehm gespannte Atmosphäre, Leute bestellen Biere, recken die Hälse. Pete Doherty lässt auf sich warten. Man nimmt es gelassen. Es wird tumultartig applaudiert, sobald die Crewmitglieder, einer nach dem anderen, die Bühne betreten, ein Foto schießen und sie wieder verlassen. Ich bin bei meinem dritten Bier, das ich, durch die Menschenmengen durchgereicht, stolz in Empfang nehme, Motörhead grummeln durch die Lautsprecher, als sich endlich etwas tut auf der Bühne.

Ein nobel gekleideter Gentleman, vielleicht ein Freund von Pete, stolpert gegen ein Uhr auf die Bühne. Mit einem Drink in der Hand beginnt er ein Poem zu rezitieren, es heißt: "Epic Fail“. Doch nicht lange hat der Sidekick die Aufmerksamkeit, denn nun betritt eine Person im Hintergrund die Bühne. Mit Gitarre, Mantel, Schiebermütze und vielleicht etwas feister als erwartet wird Mr. Doherty sofort erkannt und lautstark von seinen Fans begrüßt. Er unterbricht seinen Freund, beginnt zu spielen und hat augenblicklich den ganzen Saal erfasst. Er scheint gute Laune zu haben. Eine erstaunliche Klarheit und filigrane Gitarrenakkorde fliegen mir entgegen und ich bin von der Show gefesselt. Die kommenden Stunden rauschen mit steigendem Alkoholpegel an mir vorbei.

Pete spielt Songs aus seinem Repertoire, erfüllt Wünsche seines Publikums, trinkt, raucht, schwitzt. 

Nach mehreren Whiskey Sours, von Crew und Fans spendiert, stürzt er kopfüber, mit seiner Gitarre in der Hand, von der Bühne. Eine Gruppe junger Frauen unter ihm fangen ihn nicht. Auf den Fliesen liegend spielt er weiter, Fans helfen, heben ihn hoch. Ufta! Geht ihm gut. Mit Beule am Kopf, wach und sichtlich erstaunt über das eben Geschehene, erklimmt er wieder die Bühne. 

Der Stimmung hat dieser Doherty-Moment keinen Abbruch getan, im Gegenteil, es geht rumpelig weiter. Der eben erwähnte Sidekick schläft mittlerweile auf der Bühne, Doherty kämpft mit seinem Mikrofonständer, der Roadie hat es aufgegeben, diesen zu richten. Er spielt sich in Trance, macht dabei eine gute Figur. Es macht Spaß zuzuschauen, denn mittlerweile ist eine gewisse Anarchie auf der Bühne und im Saal ausgebrochen. Er verspielt sich, improvisiert, diskutiert mit Fans, singt mit uns. Ein Mundharmonika-Jam mit einem Typen aus dem Publikum - sympathisch! Nach jedem Lied tippt Doherty etwas in eine alte Schreibmaschine.

Irgendwann ist dann doch Schluss. Pete wirft die Gitarre in hohem Bogen seinem Roadie in die Arme und verlässt die Bühne.

Applaus.