Filmrezension: Das brandneue Testament 
(Originaltitel: Le Tout nouveau testament) 

Findest du die Liebe?In unserer Welt, in der es ums Business geht, um Statussymbole und Aufrechterhaltung unseres hart erkämpften Lebensstandards, vergessen wir schnell worum es eigentlich geht. Wir träumen vom Lagerfeuer an unberührten Stränden, davon mit dem Segelboot in fremde Welten aufzubrechen und vom Liebesrausch unterm Sternenhimmel, wahlweise mit Indiana Jones oder Pocahontas.

Was hält dich auf, einfach alles stehen und liegen zu lassen und deinen Kindheitsträumen nachzujagen?

Stell dir vor, du bist auf dem Weg ins Büro und deine Arschtasche vibriert. Du hast eine neue Message auf deinem geliebten iPhone und der Absender ist kein geringerer als Gott the Lord himself. Nachdem du ungläubig auf den flimmernden Bildschirm gestarrt hast, wird nichts mehr so sein wie es vorher war.

Ob du beim Schnorcheln auf Kos von Meereshexe Ursula und ihren Muränen erwischt wirst oder ganz unspektakulär mit 97 Jahren beim Kaffeekränzchen vom Stuhl kippst. Du weißt nicht wie — Du weißt aber ab dem Moment, als du die Nachricht geöffnet hast, WANN genau du den Löffel of Life abgeben wirst.

Orgie bei Aldi?Da in unserer Plastikwelt niemand (bis auf die wenigen glücklichen Hinterwäldler aus den Sümpfen der Everglades) auf seinen stetigen Begleiter Smartphone verzichten kann, hätte nun jeder Bewohner dieses Planeten seinen exakten Todeszeitpunkt erhalten. Was würde passieren? Anarchie? Krieg? Würden animalischen Instinkte unser weiteres Handeln bestimmen oder würden wir zu einer riesigen Kommune verschmelzen und in Massenorgien unserem Ableben entgegen rammeln?

Die Konfrontation mit der eigenen Endlichkeit würde wohl so einiges verändern. 

Der belgische Regisseur Jaco Van Dormael hat um dieses Gedankenexperiment ein modernes Märchen gebastelt, welches mich mit einem Lächeln aus dem Kino hat gehen lassen.

Zu viel möchte ich nicht verraten und verlinke an dieser Stelle auch bewusst keinen Trailer.
Nur so viel: Gott ist ein gelangweilter, biertrinkender Penner, der seinen Spaß daran gefunden hat, die Menschheit mit fantasievollen Plagen zu nerven. Offene Schnürbänder, Nasenbluten oder ab und zu auch mal ein Flugzeugabsturz sind nur eine kleine Auswahl seines Könnens. Hier kann sich Gott endlich mal wieder selbst verwirklichen und strotzt vor Kreativität wie einst bei der Genesis.
Gott bei der ArbeitSeine aufmüpfige Tochter, die Schwester von Jesus beschließt diesem grausamen Treiben ein Ende zu bereiten. Sie packt ihren Rucksack und bricht auf in die Welt, auf der Suche nach neuen Aposteln um das Testament umzuschreiben.

Da ist beispielsweise der Junge, der durch die übertriebene Fürsorglichkeit seiner Mutter krank geworden ist und nur noch wenige Tage zu leben hat. Er beschließt auf die konformen Regeln seiner Familie zu scheißen, Frauenkleider zu tragen und fühlt sich gut dabei. Es gibt den Aktentaschen-Typen, der den Vögeln nach Alaska folgt und auf der Reise zu sich selbst findet. Oder die wohlhabende Dame, deren Schönheit zu bröckeln beginnt, die Ihren Ehemann abschießt und nach einem wahren haarigem Abenteuer Ausschau hält...  

Mit Hingabe und Liebe zum Detail zeichnet Van Dormael sechs Charaktere und begleitet Sie auf Ihrer Suche nach ihrem Sinn des Lebens.

So schrecklich uns der Tod auch oft erscheinen mag, wenn es um das persönliche Glück geht, spielt die Zeit letztendlich eine völlig nebensächliche Rolle.

Brettharte Filmanalysten hätten sicher technische Feinheiten zu bemängeln und ein paar logische Fragen. Sollte man jedoch keinen perfekten Hollywood-Stangenfilm erwarten. Das Team hatte sichtlich Spaß und das kommt beim unvoreingenommen Zuschauer an. Im Kinosaal wurde gelacht und geweint, über witzige Ideen und starke Schauspieler. Eine wunderschöne, kreative Kameraführung macht eine Erfahrung daraus.

Die skurrile Inszenierung endet in einem unerwartet farbenfrohes Finale und entlässt den Zuschauer mit Lust auf Zuckerwatte auf die Straßen. 


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